|
Das Rad wiedererfinden:
Die städtische Zukunft der ökologischen Modernisierung
Roger Keil
"Urbanization in the advanced capitalist countries...has not in recent history been about sustaining bioregions, ecocomplexes, or anything other than
sustaining the accumulation of capital" (David Harvey, zitiert in Gleeson und Low, 2000: 13).
Die Autoren des Berichts "Reinventing the City" propagieren einen technologischen und marktorientierten Machbarkeitspragmatismus, der selbst in
großem Maße für diejenigen städtischen Probleme verantwortlich gemacht werden kann, die hier angeblich gelöst werden sollen. Das Dokument ist am
eigenen Anspruch gemessen - der ökologischen Modernisierung - enttäuschend und eine vertane Chance. Ökologische Modernisierung, eine ohnehin
fragwürdige Theorie und Praxis, kann gewöhnlich für sich beanspruchen, technologische und Verhaltensänderungen gemeinsam in Angriff zu nehmen, auch
wenn Verhältnisse von Macht und Wohlstand unverändert bleiben. Obwohl der vorliegende Text als Programm der ökologischen Modernisierung verstanden
werden will, erschöpft er sich in halbherzigen technologischen Transformationen, denen jede soziale Basis zu fehlen scheint.
In dem folgenden kurzen Kommentar werde ich mich im Wesentlichen auf umweltbezogene und ökologische Fragestellungen beschränken. In Übereinstimmung
mit anderen, allgemeineren Kritiken des Textes - wie denen von Neil Brenner und John Friedmann in dieser Ausgabe - halte ich Voraussetzungen,
Vorhaben und Ausführung des hier vorgelegten Projektes für generell kritikwürdig. Insbesondere die Evokation eines einheitlichen globalen städtischen
Netzwerks, der neoliberale Grundtenor mit der Betonung von Markt und Konsum, der globalmodische Sprachduktus, der sich für keine Plattitüde zu schade
ist, die willkürliche und diskriminierende Einteilung aller Städte der Welt in drei Gruppen, die Ausblendung innerstädtischer Widersprüche durch
technologische Überbelichtung und der religiöse Glaube an good governance gehören zu den hervorstechendsten Problemen. Auf den ersten Blick (und
darüber werden die meisten LeserInnen nicht hinauskommen) hat der Bericht "Reinventing the City" den Habitus einer kritischen, den gegenwärtigen
städtischen Herausforderungen mit Innovationskraft entgegentretenden Studie; bei näherem Hinsehen handelt sich um den schalen Aufguss herkömmlicher
entwicklungspolitischer Medizinalien. Würden wir den Rezepturen der Autoren folgen, machten wir uns der Festschreibung und Vertiefung der
Entwicklungstendenzen globaler Ungleichheit schuldig. Arm bliebe arm (und zwar nachhaltig, katastrophisch und dauerhaft) - reich bliebe reich (und
zwar weiterhin unnachhaltig, selbstgerecht und unaufholbar).
Aus der Fülle problematischer Stellen des Textes ragen zwei heraus. Erstens ist da die nichtssagende und naive good-governance-Blume in Abbildung 1.
Hier werden keine Macht- und Spannungsverhältnisse oder etwa Widersprüche angesprochen, sondern es wird suggeriert, dass die 'Blätter' der 'Blüte'
alle nahtlos und harmonisch in ein Ganzes zusammenpassen. Selbst urbanistische Novizen wissen, dass es sich hier um eine grobe Fehldarstellung der
städtischen Verhältnisse handelt. Der Realität verschränkter oder verflochtener Vielgestaltigkeit städtischer Entscheidungsfindungsprozesse im
Spannungsfeld ökonomischer Globalisierung und staatlicher Restrukturierung wird dieses Bild nicht gerecht.
Die fette Katze im löchrigen Sack: Ausbeutung statt Autonomie
Der andere Punkt, der hier kurzer Erwähnung bedarf, ist die Zumutung, dass erfolgreiche Städte im 21. Jahrhundert größerer Autonomie bedürfen.
Während nicht klar ist, von was Städte autonom werden sollen - vom Staat? vom globalen Kapital? - und wem diese Autonomie dient, so wird klar
konstatiert, wofür diese Autonomie gut sein soll: "Aufgrund des weltweiten Wettbewerbs werden die Städte des 21. Jahrhunderts zum anderen immer
stärker in globale Produktions- und Austauschnetzwerke eingebunden sein. Deshalb wird lokale Autonomie umso dringender benötigt. Denn jede Stadt wird
immer mehr um ihr wirtschaftliches Wohlergehen wetteifern müssen, indem sie ihren endogenen Humankapital-Bestand entwickelt, effektive öffentliche
Dienste als wichtige Vorleistung für private Betriebe erbringt, Gelegenheiten für qualitativ hochwertige Lebensstile schafft, um so qualifizierte
Beschäftigte anzuziehen, und die angemessene Mischung von miteinander konkurrierenden Aktivitäten austariert." (S. 2). Hier ist also die fette Katze
aus dem löchrigen Sack geschlüpft. Der Zweck der Autonomie ist nicht mehr Demokratie, mehr soziale Gerechtigkeit oder eine bessere Umwelt. Der Zweck
ist allein die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, was bereits eine problematische Setzung an sich ist. Gekoppelt mit der vorhergegangenen Forderung
nach good governance tritt hier ein demokratietheoretisches Defizit erster Ordnung zutage: Zivile Gesellschaft konstituiert sich hier nicht aus
gesellschaftlicher Organisation lebensalltäglicher Zusammenhänge (Gemeinwesen, Arbeit, Straße etc.), sondern aus den Reproduktionsbedürfnissen des
privaten Kapitals, in dessen Dienst das Städtische gestellt werden soll. Good governance entpuppt sich schließlich als reine Regulation der Märkte
und des Wettbewerbs, und der Zweck wird so zum Ziel. Im Grunde ist der ganze Bericht in einem Satz zusammengefasst: "Fazit: Nach unserem Dafürhalten
werden sich der technische Fortschritt und die Globalisierung der Wirtschaft unter dem Strich als positive Einflussfaktoren erweisen, mit deren Hilfe
sich die aktuellen Probleme der städtischen Entwicklung lösen lassen." (S. 9). Diese These ist bereits Grund genug, ein Traktat gegen den Bericht
"Reinventing the City" zu verfassen. Doch mein spezielles Fachgebiet - und auf dieses bezogen stimme ich mit diesem traurigen Dokument
stadtplanerischer Herkömmlichkeit nicht überein - ist die Umwelt oder Ökologie der hier entworfenen Zukunft des Urbanen. Der Zusammenhang von
Globalisierung und städtischen Umwelten ist Gegenstand einiger jüngerer Studien. Die Autoren der Einleitung eines aktuellen Bandes zur städtischen
Umwelt in der globalen Ökonomie nach der Erklärung von Rio kommen beispielsweise zum folgenden Schluss: "Das gegenwärtige Muster der Erneuerung der
Akkumulation durch rasche Urbanisierung steigert die entropischen und fundamental anti-ökologischen Tendenzen des Marktes". Während sie einerseits
herausheben, dass ökologische Nachhaltigkeit für die Stadt ein lobenswertes Ziel ist, so geben sie andererseits zu bedenken, dass die Zeichen der
realen Entwicklung diesem Ziel entgegenstehen: "Ökonomische Kräfte - gegenwärtig außerhalb der Kontrolle jeglicher bewusster menschlicher Prozesse -
arbeiten genau in die Gegenrichtung. Eine Welt individueller Städte, von ihren geographischen Grenzen eng eingeschränkt, im Wettstreit um 'Wachstum'
(lediglich als privatwirtschaftliche Tätigkeit definiert) im Rahmen eines globalen Marktes, kann auf lange Sicht keine ökologische Nachhaltigkeit
erreichen" (Gleeson/Low: 13; 23).
Unbeschwerte und naive Wegmarkierungen ökologischer Modernisierung
Die vorliegende Studie will nichts von dieser allgemeinen Krise von Urbanisierung,
Entropie, Bedrohungen durch Globalisierung etc. wissen. Noch benebelt von der Sprache und dem Geiste der Brundtland-Kommission der 80er Jahre, die
uns "nachhaltige Entwicklung" als Leitbegriff der 90er Jahre auftischte, verfolgt der Bericht "Reinventing the City" einen weitaus unbeschwerteren
und naiveren Weg der ökologischen Modernisierung. Das Programm wird in einer Kernthese zu Beginn des Textes formuliert:
"Die Verstädterung ist somit zwar eine entwicklungspolitische Grundvoraussetzung, doch eine Garantie für die gesellschaftliche Entwicklung stellt
sie nicht dar. Die Umsetzung der Urbanisierung in wissenschaftlichen Fortschritt, ihre Anpassung an ökologisch nachhaltige Formen der Entwicklung und
der Abbau sozialer Benachteiligungen werden zu den wichtigsten Aufgaben des neuen Jahrhunderts zählen." (S. 7) Mit der gewöhnlichen Ineinssetzung von
Urbanisierung und Entwicklung wird ein spezifisch historisches, westlich-kapitalistisches Entwicklungsmodell zum normativen Grundprinzip für die
ganze Welt erhoben. Abweichungen vom entwicklungsurbanistischen Pfad sind hier weder denkbar noch erwünscht. Doch im Gegensatz zu eher kritischen
Urbanisierungstheorien handelt es sich hier um eine akklamatorische Teleologie des westlichen Modells. Diese Entwicklungsteleologie paart sich mit
der fragwürdigen Illusion der Entmaterialisierung des städtischen Lebens just zu einem Zeitpunkt, da die kritische Stadtforschung ihre abstrakte und
immaterielle Definition des Urbanen aufgibt und ein Bild städtisch-gesellschaftlicher Naturverhältnisse entwickelt, das die Metabolismen des Urbanen
mit einschließt. Der Bericht "Reinventing the City" hingegen spinnt ein anderes Garn: "Während urbane Ökonomien ihren Schwerpunkt von der
Güterproduktion auf die Bereitstellung von Dienstleistungen verlagern, werden Städte zunehmend dazu in der Lage sein, sich von ihrer traditionellen
Rohstoffbasis zu emanzipieren und ihr wirtschaftliches Schicksal in eigene Hände zu nehmen." (S.2, Hervorhebung von mir, R.K.). Unbenommen der
Tatsache, dass die 'Dienstleistungsstadt' ebenso - wenn nicht noch mehr - über ihre Verhältnisse lebt und ihren ökologischen Fußabdruck ständig
vergrößert, wird hier die Vorstellung genährt, Städte könnten sozusagen über den materiellen Bedingungen ihrer eigenen Existenz schweben. Wasser,
Abwasser, Energie, Abfälle, Rohstoffe: Nichts davon wird sich in Luft auflösen können. Von einer Befreiung der Städte von ihrer traditionellen
Ressourcenbasis kann keine Rede sein.
Das urbane Ideal des 21. Jahrhunderts - eine "neue Art von Öko-Stadt, die Ressourcen recycelt und auf erneuerbarer Energie lebt" - baut dann
allerdings paradoxerweise auf dem Erhalt des traditionellen technologischen Entwicklungspfades auf, der uns das private Automobil als das Alpha und
Omega des Fortschritts bescherte. Wie ein plötzlich aus dem Hut gezogener zappelnder Superhase, wird uns nun das "emissionsfreie Auto" als rettendes
Boot in einem Ozean stadtumweltlicher Problemlagen präsentiert. Unter Reduzierung der Problematik "Automobil" auf die unmittelbare Emissionsfrage
abstrahiert dieser Vorschlag vollständig die vielen anderen Dimensionen des motorisierten Individual-Verkehrs, inklusive seines Einflusses auf die
Ausformung der Stadt, seines Beitrages zum Müll- und Schrottberg, und seiner Rolle, ungleiche, unnachhaltige gesellschaftliche Verhältnisse zu
schaffen. Die Automobilisierung ist auch ein soziales Verhältnis. Als solches - und nicht als lediglich technologisches System - (re-)produziert es
eine bestimmte sozialräumliche Form, die sich als unnachhaltig erwiesen hat. Das Öko-Auto wird daran nichts ändern.
Funktionalistische Sichtweisen auf die Stadt als handelndes Subjekt
Der Bericht "Reinventing the City" operiert mit einem subjektivistischen Stadtbegriff, d.h.
es wird so getan, als seien Städte handelnde Subjekte.
"Damit die Entwicklung einer Stadt als nachhaltig bezeichnet werden kann, müssen alle Voraussetzungen erfüllt sein. Zur Zeit kann allerdings keine
Stadt der Welt dieses Recht für sich in Anspruch nehmen." (S. 8). Die Stadt als Akteurin ist bekanntermaßen ein trügerisches Bild. Jüngst wurde
dieses Phantom vor allem im globalen zwischenstädtischen Wettbewerb eingesetzt. Wie Peter Marcuse in einem anderem Zusammenhang verdeutlichte, ist
der Begriff wetteifernder Städte selbst Teil des geladenen Diskurses der Globalisierung: "Eine Stadt ist kein lebendes Subjekt, kein organisches
Ganzes; so verwendet ist die Metapher bösartig, denn sie verbirgt die Realität. Interessen von Gruppen und von Individuen treffen innerhalb der Stadt
aufeinander: Was einigen nutzt, schadet den anderen" (Marcuse 1997: 34). In Bezug auf "Nachhaltigkeit" ist die Vorstellung einer 'organischen
Einheit' doppelt problematisch. Durch eine solche Sichtweise werden jeweils Stadt und Natur als einheitlich vorausgesetzt und als oppositionelle,
sich reifizierende, d.h. als sich feindlich gegenüberstehende Wesen behandelt: Wenn "Stadt" bestimmte Dinge tut, dann wird "Natur" sich entsprechend
verhalten etc. Dieser funktionalistischen Denkweise unterliegt ein recht konventioneller Naturbegriff - wie gehabt wird Natur hier als etwas
Technologisches und mittels Management Formbares erachtet. Für uns ist jedoch ein anderes Problem von größerem Gewicht: In den Passagen über
"nachhaltige urbane Entwicklung" offenbart sich die Vorstellung, entsprechend der einheitlich subjektivierten Stadt (als zweckorientiertes Wesen)
gäbe es auch eine einheitliche Nachhaltigkeit. Doch Nachhaltigkeit ist nicht unteilbar, sondern vielmehr ist sie selbst ein umkämpftes Konzept. Was
für den einen nachhaltig ist, bedeutet für die andere möglicherweise eine Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen. An den Autoren scheinen alle Diskussionen
der letzten Jahre über Umweltgerechtigkeit einerseits (Stadtnatur ist nicht einheitlich) und über gesellschaftliche Naturverhältnisse andererseits
(Stadt und Natur sind nicht entgegengesetzt, sondern sich gegenseitig definierend und setzend) vorbeigegangen zu sein. Man muss nicht
technologiefeindlich oder maschinenstürmerisch sein, um zu konstatieren, dass die hier angebotene historische Innovationsfolge
Straßenbahn-Auto-Superauto eine Problemkette und keine Lösungskette darstellt. Hier werden alle jüngeren Erkenntnisse und die geschehenen
Katastrophen des technologischen Fortschritts ignoriert. Darüber hinaus wird damit das gehabte Entwicklungsmodell des westlichen Wegs - und damit das
hierarchische und polarisierte Verhältnis zwischen armen und reichen Städten - fortgeschrieben. In der Liste der fünf "gemeinsamen" globalen
Aufgabenstellungen, die der Text konstatiert, sind erstaunlich überkommene Zukunftsphantasien der sechziger Jahre am Werk. Am bestürzendsten ist
dabei, dass Bevölkerungswachstum - ein mit dem globalen Süden identifiziertes Problem - an den Beginn gestellt wird, anstatt vornehmlich den
Pro-Kopf-Konsum zu thematisieren - ein mit dem Norden identifiziertes Problem.
Der Text benennt wachsende Urbanisierung als Regulativ des Bevölkerungswachstums und unterstellt zugleich, dass die weniger schnell wachsenden
städtischen Bevölkerungen sich gezwungenermaßen verdichtet ansiedeln und daher nachhaltiger wohnen und arbeiten würden. Diese Postulate bewegen sich
allesamt im Bereich des avancierten Wunschdenkens, wobei gegenwärtige reale Entwicklungen - wie etwa die Zersiedlung (urban sprawl) - fast ganz
ausgeblendet werden. Substantiell befinden sie sich in großer Distanz zu den realen progressiven politischen Positionen im stadtökologischen Bereich.
Der Grundtenor ist hier, im Einklang mit dem neoliberalen Credo der Autoren, die Privatisierung und Technologisierung der ökologischen städtischen
Funktionen. Herausragend ist dabei die skandalöse Propagierung der Wasserprivatisierung, die auf der ganzen Welt von allen progressiven
stadtpolitischen Gruppen entschieden bekämpft wird. Während Privatisierung als Allheilmittel herausgehoben wird, erwähnen die Autoren mit keinem Wort
die Rolle des privaten Sektors - wie etwa bei der Projektentwicklung (development industry) - bei er Zurichtung der städtischen Form für die
effektivste Akkumulation durch die entsprechende Produktion des dafür als notwendig erachteten Raumes. Die Folgen dieser Zurichtung sind Flächenfraß
und ökologischer Kollaps. Privatisierte Raumentwicklung führt in der Praxis erfahrungsgemäss zu erdrückendem Autoverkehr, scharf getrennten
Lebensumwelten von Arm und Reich und zu ausuferndem, segregiertem Stadtwachstum.
Ein oberflächliches Traktat stadtökologischer Allgemeinplätze
Der Abschnitt des Textes, der ausdrücklich dem politischen Handeln in Umweltproblemen gewidmet ist (S. 30-33), ist ein ausgesprochen oberflächliches
Traktat. Es wird erneut programmatisch konstatiert, dass das 21. Jahrhundert ein "Ökomodernisierungs-Jahrhundert, ein Jahrhundert
ökologisch-sparsamer Innovationen" sein soll. Städte werden wiederum in subjektivistischer Form als "Verschmutzer" behandelt - da Ort vieler
Aktivitäten - ohne die tatsächlichen Verursacher beim Namen zu nennen (S. 30). Mit Vokabeln wie "Öko-Effizienz", "Marktanreize", "Öko-Technologien",
"öko-freundlich", "Öko-Netzwerke" und gar "Öko-Revolution" wird nicht gespart. Doch es mangelt an der kritischen Identifizierung von den
widersprüchlichen sozialen, ökonomischen und politischen Dynamiken, die Produktion und Erhaltung von ökologischen städtischen Naturverhältnissen
ermöglichen könnten. Abgesehen vom Glauben an die Wunderkräfte von technischem Fortschritt und Markt ist vielleicht das Ärgerlichste an diesem Text
seine in mehrfacher Hinsicht vorgeführte Kombination von stadt-ökologischen Allgemeinplätzen mit falschen oder halbherzigen Lösungen. Es gehört
wahrlich nicht viel zu der Feststellung, dass Verkehrsprobleme für Stadt und Natur schlecht sind; doch es bedarf einiger Kühnheit und des
Selbstbetruges, "das umweltfreundliche 'Öko-Auto' (oder 'Super-Auto')" als grandiosen technischen Durchbruch zu feiern. Mit dieser oberflächlichen
Herangehensweise ist es dann auch kein Wunder, dass der Werkzeugkasten des amerikanischen New Urbanism mit seinen ÖPNV-bedienten Stadtdörfern und
Gartenstädten als Ideal hingestellt wird - eben wieder unter Missachtung jener sozialen Bedingungen, die diese Möchtegern-Utopien zu
klassenspezifischen Enklaven und abgeschotteten Einsprengseln in problembeladenen Stadtregionen werden lässt. Der Text endet schließlich mit einer
Serie von bedeutungslosen Leerformeln konservativer/konservatorischer Stadtentwicklungspolitik, in der Städte als Generalakteure benannt, aber ihre
internen Widersprüche nicht ins Bild gebracht werden.
Während ich schreibe, schaut meine zweijährige Tochter Teletubbies. Dort rollen sich unter Juchzen und Frohlocken eigenartig-grellbunte Cyborgs im
Vorkindergartenalter über unnatürlich grüne Rasenhügel. Die angewandten Technologien - der Roller, der Super-Staubsauger, die Puddingmaschine -
scheinen allesamt abgasfrei und öko-freundlich. Konflikte gibt es hier keine, Arbeit und Wohnen sind integriert. Tatsächlich, jetzt wird mir auf
einen Schlag klar: hier liegt das wahre Modell für die Stadtnatur von "Reinventing the City - Urban Future 21": Over the hills and far away,
Teletubbies come to play.
Literatur:
- Gleeson, Brendan and Nicholas Low (2000) "Cities as consumers of the world's environment," In: Nicholas Low, Brendan Gleeson, Ingemar Elander and
Rolf Lidskog (Hg.) Consuming Cities: The Urban Environment in the Global Economy after the Rio Declaration. London: Routledge: 1-29.
- Marcuse, Peter (1997) "Glossy Globalization: Unpacking a Loaded Discourse," In: Peter Droege (Hg.) Intelligent Environments. Amsterdam: Elsevier
Science Publishers: 29-47. Zwischenüberschriften von der Redaktion.
© 2000-2003 Berliner MieterGemeinschaft
e.V.
|

Zur Person:
Roger Keil, geb. 1957 in Frankfurt/M., studierte Politikwissenschaften in Frankfurt/M. (Dr. phil. 1992) und hält eine Professur für Umweltstudien und
Politikwissenschaften an der York Universität, Toronto, Kanada. In den vergangenen Jahren forschte er hauptsächlich zu Politik in "world cities", wie
Los Angeles und Frankfurt/M., zuletzt Toronto und Berlin. Sein besonderes Interesse gilt der städtischen Ökologie-Politik; er ist Gründungsmitglied
des International Network of Urban Research and Action.
Zuletzt erschienen:
Keil, R. (1993): Weltstadt - Stadt der Welt: Internationalisierung und lokale Politik in Los Angeles, Münster
- Hitz, H./u.a. (1995): Capitales Fatales: Urbanisierung und Politik in den Finanzmetropolen Frankfurt und Zürich, Zürich
- (1998): Los Angeles: Globalization, Urbanization, and Social Struggles, Chichester
|