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Was ist eigentlich URBAN 21?
Kommentar von Karin Baumert
Urban 21 ist die Abkürzung für die weltweite Urbanisierung im 21. Jahrhundert. Urbanisierung bedeutet Verstädterung und
beschreibt die Entwicklung, dass immer mehr Menschen in großen Städten, Metropolen aufeinander, miteinander und gegeneinander leben. Urbanisierung
kann viel bedeuten. Bei Verstädterung fällt manchem natürlich die Skyline von HongKong, New York oder Frankfurt/a.M. ein. Einem anderen fallen die
Ghettos in Brasilien ein. Der Versuch, Städte mit großen Konzepten neu zu bauen und gesellschaftliche Visionen umzusetzen, hat uns viele
architektonische Denkmäler hinterlassen. Die Chance, eine lebenswerte Stadt für all ihre Bewohner zu schaffen, ist nicht von geringerer Bedeutung,
wie das Problem, eine lebenswerte Gesellschaft für alle zu entwickeln. Nur in den Städten kommt der Reichtum und die Armut am stärksten zum Ausdruck.
Der Trend, dass sich die gut bis besser Verdienenden in abgeschlossene Stadtquartiere zurückziehen, die man mit dem Begriff "Neue Urbanisierung"
beschreibt, zeigt schon das ganze Dilemma. Die Abschottung, die Separierung, die kleine geschlossene Gesellschaft, die sich Geschichte nur als
architektonisches Zitat leistet, schafft ein Stadtgebiet im Sinne einer städtebaulichen Inszenierung. Im Quartier wird Leben simuliert. ‚Wir machen
es uns schon schön'. ‚Gibt es Probleme, dann reden wir darüber'. ‚Nett, dass wir darüber geredet haben'. Diese ungeheure Kultivierung, dieses
Erschaffen von "Ausschnittswelten", das Herauslassen grosser Teile des gesellschaftlichen Lebens, der gesellschaftlichen Überlebenskämpfe, wird
selbst zum Überlebenskampf. Das echte Leben aber findet draußen statt. Drinnen schottet man sich nur ab, bleibt unter sich, zieht sich zurück,
errichtet einen Zaun um sein neues Quartier, engagiert Sicherheitskräfte und merkt nicht, dass man selbst in einem Ghetto lebt. Ein Ghetto, das den
gut verdienenden Bewohner vor der ‚bösen' Welt schützt, aber die Bewohner selbst in einem Gefängnis zurücklässt, besser ausgestattet, aber steril.
Kann man vor dem Rest der Welt die Augen verschließen und es sich gemütlich machen?
Der Weltkongress zur Zukunft der Städte in Berlin bildet das
formale Ende der internationalen Initiative von Rio aus dem Jahre 1992 (UN Konferenz für Umwelt und Entwicklung), bei der die Folgen des
gegenwärtigen Raubbaus an Mensch und Natur durch die ungezügelte wirtschaftliche Expansion im Begriff der nachhaltigen Entwicklung (Agenda 21)
erstmalig weltweit thematisiert wurde. 1992 ging man davon aus, dass der Bericht über die gegenwärtige Situation der Städte aus der Sicht der
Betroffenen, der Stadtbewohner und ihrer Initiativen und Organisationen geschrieben werden muss. Die Nationen verpflichteten sich, dafür die
finanziellen Mittel und Kooperationsangebote bereitzustellen. Auf der Konferenz in Istanbul, Habitat II, verhandelte man nur noch auf Expertenebene
im Sinne der Betroffenen. Nachdem der Begriff der "Nachhaltigkeit" zum Strategiebegriff für gesellschaftliche Modernisierung schlechthin geworden ist
und die tatsächlichen Auswirkungen eben dieser Modernisierung auf den größten Teil der Stadtbewohner völlig ausgeblendet sind, wird auf der Konferenz
"Urban 21" mit einer inhaltsleeren und dem eigentlichen Anliegen von Rio knapp verfehlenden Deklaration zu rechnen sein, die für die Globalisierung
und dessen Auswirkungen auf die Stadtentwicklung keinen weiteren Einfluss haben dürfte.
Dennoch ist die Konferenz interessant. Sie steht für ein
bestimmtes Denken. Experten reden über Stadtentwicklung und die Betroffenen müssen draußen bleiben. Die eigentliche Idee, Nachhaltigkeit aus der
Sicht der Betroffenen zu dokumentieren und zu bewerten, ist leider nicht umgesetzt worden.
Nehmen wir die Absicht von Rio ernst, dann darf die letzte
Chance vor der Verabschiedung der gemeinsamen Deklaration der Teilnehmerländer nicht versäumt werden. Darum haben verschiedene Gruppen die
Intitiative ergriffen im Vorfeld und begleitend zur offiziellen URBAN-21-Konferenz, Veranstaltungen durchzuführen, die die Interessen der Bewohner
der Städte in ihrer sozialen Vielschichtigkeit vertreten. Die Bewohner und ihre Initiativen, Organisationen und Vereine melden sich selbst zu Wort,
bekommen die Möglichkeit, ihre Interessen darzustellen und alternative Strategien für die Stadtentwicklung zu diskutieren. "Bürger, Verwaltung,
Wirtschaft - in Partnerschaft gegen Armut und für gesellschaftlichen Zusammenhalt" lautet ein Slogan zur Weltkonferenz URBAN 21. Aber sitzen Bürger,
Verwaltung und Wirtschaft in einem Boot? Hören wir endlich auf, den Bürger im allgemeinen zu betrachten und unterscheiden wir statt dessen zwischen
denen, die für diese Entwicklung verantwortlich sind, denen, die daran partizipieren und den Enterbten und Entmachteten.
Der Slogan der Konferenz
soll die Illusion wecken, dass die Probleme der Städte nur noch zu moderieren sind, damit sich die klügste Variante durchsetzen kann. Er ignoriert
dabei, dass am Besprechungstisch große Teile der Bevölkerung und ihre Interessenvertretungen nicht nur ausgeschlossen sind, sondern dass man die
Probleme der Armut, der Polarisierung und der Ghettoisierung nach wie vor als Probleme der Ausbeutung beschreiben muss. Es wird mit dieser Konferenz
nicht über den Bürger im Allgemeinen verhandelt, sondern darüber, ob alle weiterhin die Augen davor verschließen, dass Globalisierung den
Zusammenhang des Reproduktionsprozesses des Kapitals in Verbindung zur Ausbeutung der natürlichen und menschlichen Ressourcen bringt und
Stadtentwicklung als Prozess von gesellschaftlichen Akteuren zu sehen ist. Nach wie vor erscheint das Kapital als Subjekt der Stadtentwicklung und
der Globalisierung. Während man im letzten Jahrhundert noch davon ausging, dass im Produktionsprozess die soziale Kraft der gesellschaftlichen
Veränderung geboren wird, sind es m.E. heutzutage die reproduktiven Bedingungen des Kapitals und hier die Stadt als komplexen Ort der Reproduktion,
die es ermöglicht den gesellschaftlichen Zusammenhang zu erleben und zu verändern. Also verschließen wir nicht die Augen davor. Dazu gehört auch die
Chance, dass die Bewohner selbst zu Interessenvertretern im Stadtentwicklungsprozess werden. Das Angebot alternativer Veranstaltungen kann eine erste
Chance dazu sein.
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